Er denkt mit 67 nicht ans Aufhören: «LKW-Fahrer ist und bleibt mein Traumberuf»
Über eine Million Erwerbstätige erreichen bald die Pension – trotzdem fördern nur die wenigsten Unternehmen eine Weiterbeschäftigung. Hans Hirschi will auch mit 70 noch arbeiten.
In Kürze:
- Die kommende Pensionierungswelle betrifft über eine Million Menschen in den nächsten zehn Jahren.
- Trotz Fachkräftemangel beschäftigen die meisten Schweizer Unternehmen ältere Mitarbeitende nur selten weiter.
- Die Transportbranche sucht händeringend neue Fahrerinnen und Fahrer und fördert aktiv Weiterbeschäftigung nach der Pensionierung.
Fünf Jahrzehnte ist Hans Hirschi bereits auf den Strassen unterwegs, fast drei davon für die Firma Planzer. Meist fuhr er mit einem 40-Tönner quer durch die Schweiz, manchmal auch durch ganz Europa. 100’000 Kilometer pro Jahr. Und er denkt nicht daran, aufzuhören.
Auch an diesem Novembertag ist er seit frühmorgens hinter dem Steuer. Fährt vom Brienzersee nach Villmergen AG und dann weiter nach Roggwil und schliesslich Bern. «Ich bin es gewohnt, hart zu arbeiten», sagt Hirschi. Er ist jetzt 67 und noch immer drei Tage die Woche mit Ladungen auf Achse. Finanziell nötig hätte er es nicht. Dennoch möchte er weiterfahren. Mindestens bis 70 – wenn es die Gesundheit erlaubt.
Schweizweit ist das eine Seltenheit. Ab 58 nimmt die Beschäftigung laufend ab. Die meisten Menschen gehen spätestens mit 65 in Rente. Nur ein Viertel arbeitet über das Pensionsalter hinaus, rund die Hälfte davon sind Selbstständige.
«Unternehmen betonen zwar regelmässig, ältere Mitarbeitende seien angesichts des Fachkräftemangels unverzichtbar», sagt Pascal Scheiwiller, der als Chef der Outplacement-Firma von Rundstedt Menschen bei der Jobsuche hilft. «In der Praxis zeigt sich jedoch ein anderes Bild: Die Mehrheit der Firmen zeigt kaum Flexibilität.»
In ältere Arbeitskräfte wird kaum investiert
Von Rundstedt hat in einer Studie über 1500 Führungskräfte und Personalmanager dazu befragt, wie sie mit älteren Beschäftigten umgehen. Das Resultat ist ernüchternd: Während die Frühpensionierung auf breite Anerkennung stösst, werden Menschen über dem AHV-Referenzalter nur in Ausnahmefällen weiterbeschäftigt. «Mit 65 ist Schluss», sagt Scheiwiller. «Das ist in vielen Köpfen verankert.»
Für den Arbeitsmarktexperten ist das unverständlich. «Ich dachte, uns fehlen Fachkräfte. Aber offenbar längst nicht überall.» So würde zwar eine Mehrheit der Personalmanager die Mitarbeitenden gerne länger beschäftigen und sogar gezielt über 55-Jährige rekrutieren. Doch nur eine Minderheit der Verantwortlichen schafft es, dieses Ziel umzusetzen.
Wie wenig Interesse Arbeitgeber verspüren, Leute übers Pensionsalter hinaus zu halten, zeigt auch eine Swisslife-Umfrage von 2024. Nur drei von zehn Unternehmen fördern dies aktiv. Für Scheiwiller steht fest: «Der Druck des Fachkräftemangels ist in vielen Branchen noch viel zu wenig hoch. Sonst hätten wir ganz andere Zahlen.»

Hinzu kommt: Arbeitgeber nehmen fälschlicherweise an, dass Arbeitnehmende ab 55 primär an einer Frühpensionierung interessiert seien. «Dieses Vorurteil führt auch dazu, dass Firmen kaum in ältere Arbeitskräfte investieren», sagt Scheiwiller. So beschränkt sich deren Förderung in der Regel nur auf Gesundheitsmanagement und flexible Arbeitszeiten.
Programme zur Talentförderung, zur Rekrutierung, Weiterbildung oder Einbindung älterer Mitarbeitender sind hingegen selten. «Dabei wissen heute viele Arbeitskräfte, dass eine Beschäftigung im Alter agil und fit hält.» Scheiwiller fordert deshalb ein Umdenken in den Chefetagen, aber auch in der Gesellschaft.
Die Transportbranche denkt um
Immerhin: In manchen Wirtschaftsbereichen halten Veränderungen Einzug. Zu ihnen zählt die Verkehrs- und Transportbranche. Sie sucht händeringend neue Fahrerinnen und Fahrer. Denn auf der einen Seite wählen zu wenig junge Menschen diesen Beruf. Und auf der anderen Seite kommt eine Pensionierungswelle auf die Unternehmen zu.
Allein bei Planzer gehen in den nächsten fünf Jahren 300 Chauffeure in Rente. Das sind 12 Prozent des gesamten Fahrpersonals. Und auch bei den Zürcher Verkehrsbetrieben (VBZ) werden bis 2032 rund 600 Personen das Pensionsalter erreichen, 60 Prozent sind aus dem Fahrdienst. Die VBZ setzt deshalb ein städtisches Programm um, das Mitarbeitende bis 70 beschäftigen will. Mit Erfolg: Zwei von drei Über-65-Jährigen arbeiten weiter.
Bei Planzer arbeiten derweil neben Hans Hirschi über 60 weitere pensionierte Fahrer – meist in Teilzeitpensen oder auf Abruf. «Früher mussten wir noch viel mehr selber schleppen», erzählt Hirschi. Zwei künstliche Kniegelenke sind die Folge. Heute helfen Krane beim Entladen – dafür gebe es mehr Staus und Termindruck. «Aber es ist und bleibt mein Traumberuf.»
Das Transportunternehmen fördert auch den Quereinstieg, insbesondere von Über-55-Jährigen. «Wer motiviert ist und mit anpacken kann, ist bei uns willkommen – unabhängig vom Alter», sagt Helen Mazza, Mitglied der erweiterten Geschäftsleitung von Planzer.
Gerade am Steuer bringe das Alter auch Vorteile. So würden ältere Interessenten oft schon über jahrelange Fahrpraxis verfügen und müssten dann lediglich noch die Lastwagenprüfung absolvieren. Allerdings wird die Fahreignung bei Chauffeuren ab 65 alle zwei Jahre überprüft, bei Jüngeren erfolgt sie alle fünf Jahre. Dennoch hat Planzer dieses Jahr über 70 Mitarbeitende eingestellt, die älter als 55 sind – darunter rund 30 Fahrerinnen und Fahrer.
Auch die VBZ sprechen mit dem Programm Flexa explizit Über-50-Jährige an. Mit Erfolg: Bis im Frühling sind die Ausbildungsklassen für künftige Tram- und Buspilotinnen voll. «Wir dürfen nicht vergessen, dass dies auf dem Markt immer noch die grösste Gruppe der Arbeitnehmenden ist», sagt VBZ-Sprecherin Mélanie Kohler.
Die Bundesbahn rekrutiert die Zielgruppe auch wegen «ihres grossen Erfahrungsschatzes und wertvollen Fachwissens». Denn auch SBB und SBB Cargo stehen in den nächsten zehn Jahren personell vor grossen Herausforderungen. Bis 2035 erreichen nach Angaben des Unternehmens voraussichtlich rund 8000 Mitarbeitende das ordentliche Pensionierungsalter.
Über eine Million Menschen sind kurz vor der Pensionierung
Wie gross über alle Branchen hinweg die Pensionierungswelle ist, haben Ökonomen der Raiffeisenbank berechnet. In den kommenden zehn Jahren erreicht fast ein Viertel aller heute Erwerbstätigen das Rentenalter. Das sind über eine Million Menschen.
Vor 20 Jahren waren es nur 50’000 Menschen, die jedes Jahr den Arbeitsmarkt verliessen. Heute sind es schon um die 100’000. Und 2029, wenn die Welle ihren Höhepunkt erreicht, werden jährlich über 130’000 Menschen austreten.
Wie schwierig die Rekrutierung dadurch sein wird, kommt langsam auch in anderen Branchen an. Beispielsweise in der Medizintechnik. Ypsomed, eine Firma mit Sitz in Burgdorf, ist auf die Entwicklung und Herstellung von Injektions- und Infusionssystemen spezialisiert. Das Unternehmen setzt seit einiger Zeit auf die Vielfalt der Generationen.
«Seniorinnen und Senioren sind wichtige Wissensträger und Mentoren für jüngere Kolleginnen und Kollegen», sagt Michael Zaugg, Mitglied der Geschäftsleitung. Auch würden sie wertvolle Berufserfahrung, Kompetenzen und eine hohe Identifikation mit dem Unternehmen einbringen.
Wer nach der Pensionierung weiterarbeitet, profitiert unter Umständen gleich mehrfach. So kann die Vorsorge optimiert und die Rente aufgebessert werden, wenn der Rentenbezug aus 1. und 2. Säule aufgeschoben wird. Ebenfalls müssen weniger Sozialversicherungsbeiträge geleistet werden, insbesondere durch den AHV/IV/EO-Freibetrag und den Wegfall der ALV-Beiträge.
Allerdings ist der finanzielle Anreiz bisher gering. Um die Weiterbeschäftigung von älteren Erwerbstätigen attraktiver zu machen, fordern die FDP sowie Wirtschaftsverbände, dass die AHV‑Freigrenze für Erwerbstätigkeit nach dem Referenzalter von 16’800 auf 36’000 Franken pro Jahr angehoben wird.
Für Hans Hirschi brauchte es keinen solchen Anreiz. «Ich bin, seit ich fahren kann, mit der Strasse verheiratet. Das weiss auch meine Frau», sagt er. Und so lange es geht, möchte er das so leben. Hirschi hat seine Leidenschaft seinem Sohn vererbt. Dieser hat Carrosserielackierer gelernt und fährt jetzt auch für Planzer Touren.
Für ihn wird es vielleicht mal das Natürlichste der Welt sein, bis 70 zu arbeiten. So wie er damit aufgewachsen ist, dass sein Vater oft abends nicht daheim war, weil er mit seinem Lastwagen unterwegs war. Auch an diesem Tag ist es bereits dunkel, als Hans Hirschi seine Ladung bei Planzer in Bern an der Rampe 25 ablädt. «Das bringt der Job mit sich, genauso wie viele Freiheiten», sagt Hirschi und schiebt das Palett in die grosse Halle.