Medien

NZZ am Sonntag: „Die Entlassungswelle kommt ab dem Sommer“

By 17. Mai 2020 No Comments

Wie sicher ist mein Arbeitsplatz? Diese Frage stellen sich besonders die 1,9 Mio. Beschäftigten in Kurzarbeit. Vorerst profitieren sie von der Hilfe des Bundes. Ohne diese Unterstützung würden längerfristig bis zu 500 000 Menschen den Job verlieren, schätzt das Konjunkturforschungsinstitut (KOF) der ETH Zürich. Doch das Hilfspaket kann den Schock auf dem Arbeitsmarkt nur vorübergehend abfedern. Was kommt danach? Ausgerechnet eine Schweizer Vorzeigefirma prescht nun vor: Straumann, der weltgrösste Hersteller von Zahnimplantaten, streicht fast jede zehnte Stelle. Letztes Jahr wuchs der Konzern noch um stolze 17%. Jetzt baut Straumann 660 Arbeitsplätze ab, davon 60 am Hauptsitz in Basel. Bis jetzt sind solche Kündigungsnachrichten die Ausnahme. Ab dem Sommer aber wird sich das ändern, sagt Pascal Scheiwiller. Er ist Chef der Firma von Rundstedt, des grössten Outplacement-Beraters in der Schweiz: «Die meisten Konzerne haben sich zunächst mit ntlassungen zurückgehalten – eine vorschnelle Reaktion während des Lockdown wäre auf Kritik gestossen.» Doch der Spardruck habe überall enorm zugenommen. «Im zweiten Halbjahr kommt es deshalb zu zahlreichen Restrukturierungen. Die Planungen haben vielerorts schon begonnen.» Bis zu 300000 Arbeitslose Damit zeichnet sich ab, dass die Arbeitslosenquote auf ein Rekordniveau klettern wird. Bis Ende Jahr rechnet der Bund mit deutlich über 200 000 Arbeitslosen – gegenüber 120 000 vor der Krise. Im Negativszenario könnte es gar mehr als 300 000 Personen treffen. Das entspricht einer Quote von 7% (vgl. Grafik 1). «Für Schweizer Arbeitnehmer herrschten über Jahrzehnte beinahe paradiesische Zustände. Diese Zeiten der Vollbeschäftigung sind jedoch vorbei», sagt KOF-Experte Michael Siegenthaler. «Der Druck auf die Arbeitnehmer hat schon bisher zugenommen, wegen der Digitalisierung und der Globalisierung. Die Rezession beschleunigt diesen Wandel.» Das führt nicht nur zu mehr Arbeitslosen. Ebenso gravierend ist die Zunahme der versteckten Erwerbslosigkeit. Darunter fallen die Verkäuferin, die gegen ihren Willen das Pensum reduzieren muss, der Manager, der sich nach erfolgloser Stellensuche selbständig macht, oder der ausgesteuerte Arbeitslose, der Sozialhilfe bezieht. In all diesen Fällen führt der Mangel an Arbeit zu finanziellen Ausfällen. Doch in der Arbeitslosenstatistik wird diese Form der fehlenden Beschäftigung nicht ausgewiesen. Bis Ende dieses Jahres werden insgesamt 900 000 Personen in der Schweiz von einem Arbeitsmangel betroffen sein, schätzt Pascal Scheiwiller. Das bedeutet: 17 bis 18% der erwerbsfähigen Bevölkerung sind entweder erwerbslos oder unterbeschäftigt (vgl. Grafik 2). Derzeit liegt die vom Bund gemessene Arbeitsmangelquote bei bereits hohen 11%. «Wir erleben seit der Finanzkrise eine konstante Zunahme der strukturellen Erwerbslosigkeit», erklärt Scheiwiller. «Als die Wirtschaft boomte, konnten viele Geringqualifizierte ihren Job vorläufig behalten – oft alledings mit einem unsicheren Pensum. In der Rezession jedoch geraten diese schwächsten Glieder nun unter Druck.» Dieser Prozess hat bereits begonnen. Während Festangestellte vorläufig von Kurzarbeit profitieren, haben zahlreiche temporäre Mitarbeiter sowie Angestellte auf Abruf die Küdigung erhalten. Seit Ausbruch der Pandemie ist die Zahl der Arbeitslosen schon um 50 000 gestiegen. Zudem besteht vielerorts ein Einstellungsstopp. Den 190000 Betrieben mit Kurzarbeit ist es rechtlich untersagt, neue Mitarbeiter zu rekrutieren. Junge sind am meisten tangiert Am meisten tangiert sind bisher Jugendliche unter 24 Jahren. Vor der Krise hatte diese Altersgruppe mit 2% die tiefste Arbeitslosenquote. Jetzt ist der Anteil bereits auf 3,3% gesprungen. Im Sommer beginnen ausserdem Zehntausende Lehr- und Hochschulabgänger mit der Stellensuche – diesmal aber mit geringen Erfolgschancen. Jene Jahrgänge, die während einer Rezession in den Arbeitsmarkt eintreten, verspüren laut Studien noch zehn Jahre später eine Lohneinbusse. Neben den Jungen trifft es auch die Frauen überproportional. Mütter, die nach einer Babypause ins Erwerbsleben zurückkehren wollen, müssen dies verschieben. Zudem arbeiten Frauen häufig in Branchen mit Kundenkontakt, wie Handel oder Freizeit, welche die Krise am stärksten spüren.

Zum Artikel

Leave a Reply