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Outplacement

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Blick: „Hunderttausende in der Schweiz wollen arbeiten – aber finden keinen Job“

Die Gegensätze auf dem Schweizer Arbeitsmarkt spitzen sich zu, etwa zwischen Fachkräftemangel und strukturell Arbeitslosen, so eine Studie.

Schon Goethe war überzeugt: «Der Widerspruch ist es, der uns produktiv macht.» Die Schweizer Wirtschaft muss nun darauf zählen, dass Goethe recht hatte. Eine umfassende Studie belegt nämlich: Der Schweizer Arbeitsmarkt ist von Widersprüchen geprägt.

«Wir müssen jetzt Gegensteuer geben, bevor diese Phänomene zu substanziellen Problemen für die Schweizer Wirtschaft werden», mahnt Pascal Scheiwiller (50), CEO der Outplacement-Firma von Rundstedt & Partner, die Arbeitnehmenden nach einer Kündigung bei der beruflichen Neuorientierung hilft. 

Scheiwiller und sein Team haben knapp 2000 HR-Manager und Führungskräfte in der Schweiz befragt, um herauszufinden, wo die grössten Spannungsfelder im Arbeitsmarkt liegen. 

Polarisierung

Der viel beachtete Fachkräftemangel täuscht darüber hinweg, dass Hunderttausende Menschen hierzulande gerne arbeiten würden – aber nicht können. Die Arbeitslosigkeit liegt gemäss dem Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) zwar bei rekordtiefen 2 Prozent. In dieser Statistik fehlen allerdings die strukturellen Fälle von Arbeitslosigkeit: Frauen, die nach einer Mutterschaftspause wieder in den Arbeitsmarkt einsteigen wollen. Ausgesteuerte. Oder all jene, die temporär, in Teilzeit oder im Stundenlohn angestellt sind und gerne mehr arbeiten würden. Rechnet man sie hinein, ergibt sich die sogenannte Arbeitsmangelquote, welche laut Bundesamt für Statistik aktuell bei 8,7 Prozent liegt. Das sind 441’000 Betroffene.

«Für diese Leute ist es brutal, ständig vom Fachkräftemangel zu lesen, selber aber keinen Job zu finden», sagt Scheiwiller. Als Grund für die Polarisierung zwischen Fachkräftemangel und struktureller Arbeitslosigkeit sieht er den Strukturwandel im Arbeitsmarkt. Stichwort Digitalisierung. «Jobprofile verändern sich komplett», erklärt Scheiwiller. Wer ein altes Jobprofil hat, fällt durch die Maschen.

Weniger Arbeit, trotzdem mehr Burnouts

Mehr als ein Drittel der Erwerbstätigen arbeitet heute im Teilzeitpensum. Anfang der 1990er-Jahre war es erst ein Viertel. Dennoch gehen Stresserkrankungen nicht zurück – sondern nehmen gar zu. 28 Prozent der Mitarbeitenden sind laut der Befragung «dauerhaft überbelastet». «Die Firmen wissen um die zunehmende Stresssituation, machen aber nichts dagegen», kritisiert Scheiwiller.

Branchenkult

Dass aus einem Schreiner nicht über Nacht ein Metzger wird, steht ausser Frage. Dass es der Schreiner aber schwer hat, von der Möbel-Produktion in die Industrie-Schreinerei zu wechseln, überrascht. Doch genau das ist der Fall: 67 Prozent der Firmen geben in der Befragung an, dass Branchenerfahrung bei der Rekrutierung ein Muss-Kriterium ist. Bewerber, welche die funktionale Erfahrung mitbringen, nur eben aus einer anderen Branche, haben schlechte Karten.

Selbst der Fachkräftemangel hat am Branchenkult in der Schweizer Wirtschaft bislang nur wenig geändert. «Das zeigt, dass die Not bei den Unternehmen gar nicht so gross ist, wie sie uns glauben machen», vermutet Scheiwiller. Er fordert, dass Unternehmen auch Bewerber in Betracht ziehen, die das Anforderungsprofil nicht perfekt erfüllen. «Aber die Bereitschaft der Unternehmen, Leute einzustellen, die man dann noch weiterbilden muss, ist tief.»

Altersdilemma

Um die demografisch bedingte Lücke im Arbeitsmarkt zu schliessen, sollen Arbeitnehmende über das Pensionsalter hinaus arbeiten – doch die Firmen wollen sie gar nicht! «Bei 57 Jahren liegt die kritische Grenze, danach wird es schwierig, einen neuen Job zu finden», so Scheiwiller. Das habe sich trotz Fachkräftemangel kaum verbessert. Immerhin: 87 Prozent der Befragten geben in der Umfrage an, sie hielten es für dringend, etwas gegen das Altersdilemma zu unternehmen.

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