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Blick: „Sie musste 30 Leute entlassen – jetzt ist sie arbeitslos“

By 10. Februar 2020 No Comments

Das muss der Albtraum jeder Personalverantwortlichen sein: Erst eine Massenentlassung durchziehen und am Ende selbst auf der Strasse stehen.

Genau das ist Petra Koch (55) passiert. Bei einem mittelgrossen Industriebetrieb aus dem Raum Winterthur ZH. Weil Funktionen von der Schweiz ins Ausland verlagert wurden. Die Aargauerin musste die schlechte Nachricht rund 30 Angestellten überbringen – jüngeren wie auch solchen deutlich über 50. Also solchen, die es schon altersmässig besonders schwer auf dem Arbeitsmarkt haben. «Wer mit über 50 Jahren die Stelle verliert, muss bei der Stellensuche mit sechs Monaten oder mehr rechnen, bis sich ein Ausweg aus der Arbeitslosigkeit ergibt», weiss Koch – auch aus eigener Erfahrung.

Ältere werden weniger entlassen

Das zeigt auch die jüngste Arbeitsmarktbilanz: 2019 ist die Arbeitslosenquote in der Schweiz auf den tiefsten Stand seit 20 Jahren gefallen. Allerdings: Im Alterssegment der 50- bis 64-Jährigen ist die Zahl der Arbeitslosen im vergangenen Jahr um 0,2 Prozent gestiegen, wie die Gewerkschaft Travailsuisse berechnet hat.

Die Verlagerung von Stellen ins Ausland gehört zu den häufigeren Kündigungsgründen. Laut dem aktuellen Arbeitsmarkt-Barometer des Outplacement-Spezialisten von Rundstedt Schweiz sind Restrukturierungen und Firmenzusammenlegungen mit 42 Prozent an der Spitze der Kündigungsgründe.

Die Studie zeigt auch, dass das Risiko davon betroffen zu sein, für Arbeitnehmer zwischen 40 und 50 am höchsten ist. Deutlich geringer ist das Risiko von älteren Angestellten. Es werden also nicht die Älteren zuerst auf die Strasse gestellt, allerdings gestaltet sich bei diesen die Suche nach einem neuen Job um einiges schwieriger.

Bis zum bitteren Ende

Warum aber tut sich eine gestandene Personalchefin wie Petra Koch, die auch schon für Banken und Versicherungen gearbeitet hat, so etwas an? Wirft nicht einfach das Handtuch und sucht für sich selbst einen neuen Job?

«Für mich war immer klar, ich werde nicht die Flucht ergreifen», erklärt Koch. «Ich wollte die betroffenen Mitarbeiter begleiten, ihnen die Wertschätzung zukommen lassen, die sie verdient haben.»

Das hiess also, nicht nur die Kündigung auszusprechen, sondern die Sorgen und Nöte der Betroffenen zu teilen. Zum Beispiel die Schockstarre eines 60-jährigen Ingenieurs auszuhalten. «Die Nachricht von der Kündigung hat ihm den Boden unter den Füssen weggezogen», erinnert sich Koch. Doch sei es dem Mann gelungen, nach kurzer Zeit die Situation ins Positive zu drehen. «Plötzlich stand die Frage im Zentrum: Wo kann ich mein Wissen und meine Erfahrung bis zur Pensionierung noch einbringen.» Eine Frage, die inzwischen positiv beantwortet ist. Der Mann fand als Erster eine Stelle!

Langer Weg zurück in den Arbeitsmarkt

«Nur wer sich von der Vergangenheit löst, hat überhaupt eine Chance, eine neue Stelle zu finden», sagt Koch. Will heissen, es bringt nichts, der alten Stelle nachzutrauern oder die Umstände der Kündigung zu hinterfragen. «Personalverantwortliche spüren sofort, wenn jemand noch nicht bereit für eine neue Stelle ist», weiss Koch. Diese Personen würden als Erste aussortiert – nicht wegen des Alters, sondern wegen der Einstellung.

Doch selbst wenn die Einstellung stimmt, ist der Weg zurück in den Arbeitsmarkt ein weiter. Konkret: Im letzten Jahr dauerte es im Schnitt 7,8 Monate bis Ü50-Arbeitssuchende wieder eine Stelle fanden, wie die Von-Rundstedt-Studie zeigt.

Inzwischen sucht Koch seit rund sechs Monaten eine neue Stelle. Eine nicht immer ganz einfache Zeit: «Es gab schwierige Phasen, Zweifel kamen auf», erzählt sie. Zum Beispiel als nur noch Absagen kamen und Einladungen zu Vorstellungsgesprächen ausblieben.

Chancen dank Fachkräftemangel

Was dagegen hilft: «Immer mehrere Bewerbungen am Laufen zu haben, dann ist eine Absage emotional besser zu verkraften», ist der Tipp von Koch. Und nicht verzweifeln, wenn es nicht zur Einladung zu einem ersten Gespräch kommt. Lediglich ein Viertel aller Bewerbungen von Koch führten zu einem ersten Gespräch. Einer Frau, die ganz genau weiss, wie ein Lebenslauf oder ein Motivationsschreiben aussehen müssen.

Die Entwicklung am Arbeitsmarkt stimmt Koch zuversichtlich. In Zeiten des Fachkräftemangels haben die Arbeitgeber endlich erkannt, dass der Bewerber oder die Bewerberin nicht mehr zwingend zu 100 Prozent auf das ausgeschriebene Stellenprofil passen muss. Eine Chance gerade auch für Ältere: «Die Firmen haben gemerkt, dass ältere Arbeitnehmer heute viel fitter und flexibler sind als früher. Und oftmals über hohes unternehmerischer Denken verfügen», macht Koch sich selbst und anderen Mut!

Akteure am Arbeitsmarkt
Outplacement

Eine Outplacement-Firma wird von einem Unternehmen engagiert, das Stellen abbaut, oft als Teil eines Sozialplans. Das heisst, ein Outplacement-Dienstleister betreut von der Entlassung betroffene Mitarbeitende während oder nach der Kündigungsphase und unterstützt sie dabei, wie sie sich neu auf dem Arbeitsmarkt positionieren können. Das heisst, diese Firmen arbeiten im Dienste der Stellensuchenden – auch wenn sie von einem Unternehmen für ihre Dienste bezahlt werden. Zu den wichtigsten Outplacement-Spezialisten gehören von Rundstedt Schweiz, Lee Hecht Harrison (Adecco), Right Management (Manpower) oder Grass & Partner.

Arbeitsvermittler

Ein klassischer Arbeitsvermittler sucht im Auftrag seiner Kunden nach geeigneten Kandidaten – für eine temporäre oder feste Anstellung. Das heisst, es geht darum, eine freie Stellen entsprechend des Stellenprofils des Auftraggebers zu besetzen. Und nicht darum, die Interessen von Stellensuchenden wahrzunehmen. Trotzdem kann es als Arbeitssuchender nicht schaden, die Portale von Arbeitsvermittlern abzuklappern. Vielleicht passt ja eine der ausgeschriebenen Stellen. Die grössten Firmen in der Branche sind Adecco, Kelly Services und Manpower.

Headhunter

Ein Headhunter sucht Spitzen- und ausgewiesene Fachkräfte für Toppositionen in der Wirtschaft. Naturgemäss sind diese Executive-Search-Firmen meist nicht an Leuten interessiert, die bereits auf dem Arbeitsmarkt, also auf Stellensuche, sind.

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